QUO VADIS Warenkreditversicherung

– nach dem Auslaufen des Rettungsschirms und vor dem Coronakrisen-bedingten Ansteigen der Insolvenzen   

 

Nun ist es also offiziell. Was unter den Experten schon seit einigen Wochen unter vorgehaltener Hand prognostiziert wurde, ist nun in diversen Fachmedien publiziert worden. Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) verlautbarte am 19.4., dass der Rettungsschirm für Warenkreditversicherer in Deutschland mit Ende Juni auslaufen wird. Nach derzeitigem Stand wird der Schutzschirm ersatzlos beendet. Die Versicherer halten sich jedoch eine Hintertüre, für den Fall der Fälle, offen.

 

Ein kurzer Blick zurück: Im April 2020 wurde kurz nach dem Beginn der Corona-Epidemie zwischen den deutschen Warenkreditversicherern (Euler, Coface, Atradius, R+V & Zurich) und der deutschen Bundesregierung ein Schutzschirm zur Stabilisierung von Lieferketten & für erwartete Coronakrisen-bedingte Insolvenzen in der Gesamthöhe von 30 Mrd.€ vereinbart. Dafür mussten die Versicherer 65 % Ihrer Prämien an den Bund abliefern.

Da durch die zahlreichen weiteren, zum Großteil sehr sinnvollen, Unterstützungsmaßnahmen für Unternehmen größere Insolvenzen ausblieben, wurde im Spätherbst neue Verhandlungen zur Anpassung des Rettungsschirm verhandelt. Gegen Jahresende wurde eine Verlängerung unter leicht angepassten Bedingungen bis Ende Juni 2021 verlautbart.

 

Auch gegenwärtig kommt es weder in Deutschland noch in Österreich, zu nennenswerten Insolvenzen. Während in normalen Konjunkturzeiten durchschnittlich 11-13 Unternehmens-Insolvenzen / Tag in Österreich auf den uns täglich zur Verfügung stehenden Insolvenz-Listen stehen. Sind es derzeit durchschnittlich max.7. Zum Beispiel waren es am 19.4. bloß 4, am 20.4. 6 Firmen, 21.4. 7 Betriebe & 22.4. nur 5 insolvente Unternehmen.

Experten von Ratingagenturen, Gläubigerschutzverbänden, Banken und Versicherern rechnen mittelfristig ab Spätherbst / Winter 2021/22 Anstieg um zumindest ca. 15-25 % gegenüber dem derzeitigen Niveau.

 

Dies ist auch einer der Hauptgründe warum die Kreditversicherer keiner weiteren Verlängerung mehr zugestimmt haben. Die Versicherer verloren 60% Ihrer Prämieneinnahmen und zugleich kam es kaum zu Ausfällen / Schadenszahlungen und somit kaum zu Rückerstattungen durch den Bund.

 

In Österreich kam es erst gar nicht zu einer Umsetzung eines Rettungsschirmes., da sich Versicherer und österreichische Bundesregierung bzgl. Dokumentationsaufwand und rechtlicher Bedenken nicht einig wurden.

Wie erwähnt haben sich die deutschen Warenkreditversicherer eine Hintertür offen gehalten mit der von der GDV veröffentlichten Formulierung: „…weiterhin in einem sehr engen Austausch bleiben, um im Fall einer deutlichen Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation und einer damit verbundenen Gefährdung der Lieferketten, im Rahmen der EU-rechtlichen Möglichkeiten rasch handeln zu können…“.

 

Die gegenwärtig zu beobachtenden Strategien bzw. Herangehensweisen der Risk-Manager sind durchaus sehr unterschiedlich.

 

 

Den Mutigen gehört die Welt oder Vorsicht lässt überleben / gewinnen ?

Ab Juli herrschen somit quasi wieder „Normalbedingungen“ für die Warenkreditversicherer. Atradius postuliert: „… auch nach Beendigung der Bundesrückdeckung die Schutzfunktion für Ihre Kunden wahrnehmen zu wollen …“ (Thomas Langen, Senior Regional Director D-Atradius)

 

Nach eigenen Angaben hat Atradius D. Ihre Kreditzusagen 2020 auf 93,5 Mrd.€ gesteigert, um 500 Mio € mehr als für 2019.

Beim Marktführer Euler hingegen wird eine komplett andere Herangehensweise gewählt. Vergangenen Sommer wurden systematisch Limit überprüft, gestrafft und Risken nach Möglichkeit reduziert. Dies hatte zu einer gewissen Unruhe bei Treasurern & Factoring-Gesellschaften geführt, da bei schwächeren Bonitäten das Aufrechterhalten von Limitzusagen an den Rettungsschirm geknüpft waren.

Aktuell werden beispielsweise bestehende Limitzusagen auf das Risiko eines der 3 größten österreichischen Baukonzerne gestrichen. Insider vermuten hohe Kumul-Risiken als Grund.

 

Klar kommuniziert wird von EULER hingegen, die Prävention verstärkt in den Mittelpunkt zu rücken. In einer aktuellen Presseaussendung der Allianz-Tochter heißt es: „…schon jetzt im engen Austausch mit unseren Kunden und Partnern. Bei der Rückkehr zu normalen Marktmechanismen stehe neben dem Schutz vor finanziellen Ausfällen, insbesondere die Prävention im Vordergrund…“

 

Der kleinste Player unter den Kreditversicherern hingegen verkündet stolz für 2020 zweistellige Prozentsätze an Umsatz- und Vertrags-Zuwächsen. Dieser sammelt einerseits, ob der obengenannten Umstände, unzufriedene Kunden der 3 großen Mitbewerber ein, andererseits gewinnt er, ob der vielfach angekündigten Insolvenzwelle viele verängstigte Neukunden, die ihre Forderungsausfall Risiken begrenzen möchten.

 

Für alle Kreditversicherer gilt, dass Deckungszusagen klassischerweise auf Basis von individuellen Bewertungen unter der Berücksichtigung einer Vielzahl von Faktoren erfolgt; beispielhaft genannt seien hier Umsatz, Profitabilität, Finanzergebnis, Verschuldungsgrad, Liquidität, Cash Flow als auch besondere Länder- und/oder Branchen-Risken.